
Wenn La Dispute ein neues Album ankündigen, ist das kein bloßes Musikereignis. Es ist ein literarischer Akt, ein filmisches Kapitel, ein Seelenprotokoll. Mit „No One Was Driving the Car“, ihrem ersten Album seit sechs Jahren, geht die Band aus Grand Rapids, Michigan einen Weg weiter, den sie selbst mit Worten pflastert, die so zersetzend wie tröstlich sind. Noch vor der Veröffentlichung am 05. September erscheint das Werk in Etappen, dramaturgisch gegliedert in fünf Akte – zuletzt „Act IV“, bestehend aus drei neuen Songs, darunter das eindrückliche „Top-Sellers Banquet“.
Die Geschichte, die sich durch das Album zieht, ist kein lineares Narrativ. Es ist eher ein inneres Tagebuch, ein Erinnerungsstrom, der sich durch Zeit, Raum und Bewusstsein schlängelt. Ein Mann blickt zurück auf sein Leben, tastet sich durch Schlüsselmomente seiner Jugend, Verlust, familiäre Spannungen, spirituelle Verwirrung. Die Sprache: radikal intim. Die Musik: post-hardcore im Dialog mit barocker Erzählkunst, mal flüsternd, mal berstend. Der Albumtitel entstammt einem Artikel über einen tödlichen Unfall mit einem selbstfahrenden Auto – eine absurde, fast groteske Metapher für die existenziellen Fragen des Albums: Wer oder was lenkt unser Leben? Haben wir je die Kontrolle gehabt, oder leben wir längst in einem Automatikmodus, gesteuert von Technologie, Trauma, Theologie? Jordan Dreyer, Sänger und Texter, spricht vom Einfluss des Films „First Reformed“, einer düsteren Meditation über Glauben, Apokalypse und innere Auflösung. Viele Bilder des Albums – das Rufen nach Erlösung, der Moment der Levitation, das brüchige Ich im Spiegel – greifen visuell wie thematisch diese Quellen auf.
Doch wo all das in der Konserve abstrahiert, da materialisiert es sich live. Denn La Dispute sind eine Band, die auf der Bühne nicht einfach Lieder spielt. Sie brennt. Wer sie je erlebt hat, weiß, dass ihre Konzerte nicht bloß Gigs, sondern kathartische Rituale sind, die zudem das Gefühl von Zusammenhalt und Gemeinschaft stärken und so zeigen, dass die Welt vielleicht doch nicht verloren ist. Es gibt diese Orte noch, wo alle willkommen sind und niemand außen vorgelassen wird. Ihre Musik lebt vom Austausch, vom Blickkontakt zwischen Bühne und Saal, vom Schweiß, der durch Bedeutung dringt. Es sind Erlebnisse, die ein ganzes Publikum mittragen – schreiend, weinend, verstummt. „Ich glaube, wir wussten lange nicht, wie sehr uns das fehlte“, sagt Dreyer rückblickend auf die pandemiebedingte Bühnenpause. „Die ersten gemeinsamen Proben nach der Rückkehr fühlten sich an, als hätte man vergessen, wie tief die Leere vorher war.“ In einer Zeit, in der Konzerte oft zu inszenierten Contentmaschinen verkommen, wirkt ein Abend mit La Dispute wie ein widerständiger Akt: ein gemeinsames Innehalten. Ein Austausch zwischen denen, die hören, und denen, die sprechen. Nicht von oben herab, sondern mitten hindurch.
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